Daten zu Surfverhalten von Millionen Deutschen als „kostenlose Probe“

Daten zu Surfverhalten von Millionen Deutschen als "kostenlose Probe"

Martin Holland

(Bild: dpa, Daniel Reinhardt)

Mehrere Firmen sammeln so viele Daten wie möglich zu deutschen Internetnutzern und bieten diese – angeblich anonymisiert – zum Verkauf. Reporter haben nun solche Daten eingesehen und ganz einfach intimste Informationen zu konkreten Personen gefunden.

Während einer Recherche sind Reportern der NDR-Magazine Panorama und Zapp umfassende Daten zum Surfverhalten von drei Millionen Deutschen übermittelt worden. Das sei nur die kostenlose Probe für ein offenbar viel umfangreicheres Datenpaket gewesen, berichten sie vor der Panorama-Sendung, in der sie ihre Rechercheergebnisse am heutigen Dienstagabend vorstellen wollen.

Demnach haben sie sich als Schein-Firma im "Big Data-Geschäft" ausgegeben, woraufhin ihnen gleich mehrere Firmen Daten zum Surfverhalten von deutschen Internetnutzern angeboten hätten. Das von ihnen ausgewertete Paket umfasste demnach mehr als zehn Milliarden Internetadressen und die darauf erfolgten Zugriffe von drei Millionen Deutschen im Monat August.

Internetnutzung verrät den Internetnutzer

Anders als bei solchen Geschäften behauptet, sind die Daten keineswegs so anonymisiert, dass sie keinen Schaden für die betroffenen Nutzer bedeuten, fassen die Journalisten zusammen. So seien die Daten sehr einfach konkreten Personen zuzuordnen gewesen und hätten intimste Details aus deren Leben verraten. Rekonstruiert haben sie etwa Details zu laufenden polizeilichen Ermittlungen oder zu sado-masochistischen Vorlieben eines Richters, aber auch die internen Umsatzzahlen eines Medienunternehmens und Internetsuchen zu Krankheiten, Prostituierten und Drogen. Zu einem Manager aus Hamburg habe man einen Link zu einem von ihm genutzen Cloud-Speicher gefunden, über den Kontoauszüge, Lohnabrechnungen, eine Kopie des Personalausweises und mehr einsehbar waren.

Die Unternehmen, die derartige Daten zum Verkauf anbieten, sammeln sie demnach beispielsweise durch Browser-Erweiterungen, die etwa Downloads verwalten oder die Sicherheit von Internetseiten prüfen sollen. Einmal installiert übermittelten sie aber im Hintergrund alle besuchten Seiten an Server, wo diese Daten gesammelt und zu Nutzerprofilen gebündelt. Die Daten würden dann etwa an die Werbeindustrie verkauft, die damit ihre Anzeigen gezielter schalten will. Dabei würde immer wieder behauptet, dass man aus den Daten keine Rückschlüsse auf Individuen ziehen könne, aber das hätten die Recherchen entkräftet. Insgesamt sei das auch juristisch heikel, aber die Anbieter agierten oft aus dem Ausland, weswegen sich Betroffene nicht wirklich wehren könnten.

Maßnahmen zum Selbstschutz

Bei ihrer Recherche haben die NDR-Reporter mit der Plattform mobilsicher.de kooperiert, die vom Bundesjustizministerium gefördert wird. Dort wurden als Begleitung zu dem Bericht Maßnahmen zusammengetragen, mit denen sich Mobilnutzer gegen derartige Ausspähungen schützen sollen. Dort werden beispielsweise Browser-Erweiterungen aufgeführt, die das Tracking unterbinden sollen. Außerdem wird erklärt, was es mit dem Tracking auf sich hat und was vor allem Google mit all dem zu tun hat. Die Sendung mit dem ganzen Bericht soll am heutigen Dienstagabend um 21:15 Uhr im NDR ausgestrahlt werden. (mho)