Saarland-AFD: Niveaulimbo mit Hakenkreuz, verdörrt-sprießender Vetternwirtschaft und BND-Schwester

Saarland-AFD: Unerträglicher Niveaulimbo mit NS-Devotionalienhandel, Dörr-Goldfasanen-Vetternwirtschaft, braun-pensioniertem Schuldirektor und BND-Schwester des unsäglichen NSA-Versagers Gerhard Schindler.

AfD im Saarland: Wo peinlich ein Kompliment wäre

Die AfD ist sicher nicht überall gleich. Im Saarland allerdings gibt sie vor der Landtagswahl am Sonntag ein erbärmliches Bild ab. Das zeigt auch eine Analyse des Bundesschiedsgerichts der Partei. Dort zieht man sogar Vergleiche mit dem Mittelalter.

Frauke Petry (Archivbild) hatte ihre Probleme mit dem System "family and friends" der Saar-AfD. Kurz vor der Landtagswahl im Saarland scheint das vergessen. 

Frauke Petry (Archivbild) hatte ihre Probleme mit dem System "family and friends" der Saar-AfD. Kurz vor der Landtagswahl im Saarland scheint das vergessen. 

Eine knappe Million Einwohner hat das , es ist so groß wie ein Landkreis, soll der frühere SPD-Politiker Johannes Rau mal gesagt haben. Und doch besitzt die Wahl an diesem Sonntag eine hohe Bedeutung. Hier will die CDU ihren Abwärtstrend bei Landtagswahlen stoppen. Die SPD will zeigen, dass sie mit Martin Schulz nicht nur in Umfragen gewinnt. Die Grünen kämpfen gegen den Absturz, die FDP ringt um den Aufstieg.

Die möchte am Sonntag ihren Siegeszug fortsetzen und in das nächste Landesparlament einziehen. Ein Selbstläufer ist der Weg in den Landtag diesmal allerdings nicht, und dafür hat der Landesverband Saar selbst gesorgt: In keinem anderen Bundesland agiert die AfD auf derart niedrigen Niveau.

Die Saar-AfD fällt vor allem unangenehm auf, und das durchaus bundesweit. Vor einem Jahr wurde sie komplett aufgelöst, nachdem der stern enthüllt hatte, dass die beiden Chefs Kontakte zu Neonazis gepflegt hatten. Eine Mehrheit des Bundesparteitags der AfD sprach sich anschließend ebenfalls für die Auflösung aus. Das der Partei musste entscheiden und beurteilte die Maßnahme als zu hart. Die Saar-AfD wurde gerüffelt, durfte aber weitermachen.


Die Hakenkreuz-Affäre des Spitzenkandidaten

Auch ihr Spitzenkandidat für die , der 65-jährige Rudolf Müller, brachte es deutschlandweit in die Schlagzeilen. Das war, als das ARD-Magazin "Panorama" und der stern aufdeckten, dass Müller in seinem Laden in Saarbrücken "KZ-Geld" anbot und Hakenkreuzorden vertickte, teilweise ohne das Hakenkreuz abzukleben. Die Staatsanwaltschaft Saarbrücken ermittelte, stellte die Ermittlungen kürzlich aber ein. Dafür versucht der saarländische Justizminister über eine Bundesratsinitiative zu erreichen, dass Leute wie Müller nicht mehr länger mit NS-Devotionalien handeln dürfen.

Rudolf Müller rechnet bei der Landtagswahl, das teilte er der "Saarbrücker Zeitung" mit, für seine Partei mit einem "deutlich zweistelligen Ergebnis". Er selbst kommt im Wahlwerbespot der Saar-AfD allerdings nur wenige Sekunden zu Wort. Offenbar sehen es die Planer der Kampagne als eher hinderlich an, mit einem Spitzenkandidaten zu werben, der auch mit Nazi-Orden Geld verdient.

Müllers Frau Monika hingegen durfte sich in dem Werbefilm gut ausgeleuchtet auf einem Sessel präsentieren. Die Schwester des früheren BND-Präsidenten Gerhard Schindler steht zwar auf einem Listenplatz weit hinten, äußert sich in dem Spot aber trotzdem doppelt so lange wie ihr Gatte.

Notmaßnahmen wie "intensives Coachen" und "Rücktritt"

Was der wiederum in einer Diskussionsrunde mit anderen Spitzenkandidaten Mitte Januar von sich gab, beunruhigte selbst AfD-Mitglieder. Sie wandten sich nach dem öffentlichen Auftritt schriftlich an den Landesvorstand, schlugen Notmaßnahmen von "intensivem Coachen" bis zum "Rücktritt" Müllers als Spitzenkandidat vor. "Niemand kann alles wissen, aber er sollte wenigstens etwas Konkretes sagen", schrieb ein Parteifreund über Müllers Auftritt, ein anderer meinte: "Wenn wir sonst keine guten Alternativen als Politiker haben, sollten wir lieber nicht antreten."

Müller nahm dann, immerhin, an der öffentlichen Diskussionsrunde der Spitzenkandidaten für die Saarland-Wahl nicht teil, zu der ihn der Radiosender "Salü" eingeladen hatte. Auch ein Einzelinterview, wie es die Hörfunk-Redaktion des Saarländischen Rundfunks mit jedem Spitzenkandidaten führte, verweigerte er. Die Spitzenkandidatur selbst ließ er sich aber nicht nehmen.

Noch etwas knapper als Müller äußert sich in dem Wahlspot der Saar-AfD Aline Wagner. Die AfD-Politikerin, die es ohne jemals politisch auch nur aufzufallen auf einem aussichtsreichen Listenplatz brachte, steht dem Landeschef Josef Dörr nahe. Und weil im kleinen Saarland wenig unkommentiert bleibt, wabern Gerüchte über die Art der Beziehung des 78-Jährigen pensionierten Schulleiters und der 30-jährigen Justizvollzugsbeamtin durch die Partei, mündlich, aber auch schriftlich vorgetragen.

"Unsägliche Gerüchte ... zum Teil ehrabschneidend"

Aline Wagner, deren Gesicht auf das Wahlkampfauto der Saar-AfD geklebt ist, ging selbst auf die Gerüchte ein. Vergangenen Juli war das, in Stuttgart, als das Bundesschiedsgericht die Auflösung des Landesverbands verhandelte und Zeugen befragte. Aline Wagner kam dabei auf ein Zitat der Parteichefin Frauke Petry zu sprechen. Petry hatte mit Blick auf die Verhältnisse in der Saar-AfD von einem System "family and friends" gesprochen. Zu "family and friends" wolle sie etwas anmerken, warf Aline Wagner ein und sagte mit Blick auf Josef Dörr: "Mir wird oftmals gesagt, wir kannten uns vorher oder was. Ich bin allein in die AfD gekommen und habe niemanden vorher gekannt, auch den Vorstand nicht." Der Schiedsrichter verstand nicht recht, worauf Aline Wagner hinaus wollte. Da assistierte, wie das Protokoll festhält, Josef Dörrs Stellvertreter Lutz Hecker: "Es gibt unsägliche Gerüchte, die insbesondere mit ihrer Person (an Frau Wagner gerichtet) auch zusammen hängen, die sind zum Teil ehrabschneidend."

Aline Wagner sagte dem stern auf Nachfrage, sie stehe in keiner verwandtschaftlichen Beziehung zu Josef Dörr. Wenige Minuten nach dem kurzen Telefonat rief allerdings Josef Dörr auf Wagners Handy zurück – hörbar aufgebracht. Man werde ihn von einer anderen Seite kennen lernen, drohte der Landeschef, das seien unwahre Gerüchte und was einem einfalle, Frau Wagner darauf anzusprechen. Er hatte offenbar vergessen, dass Aline Wagner und sein Stellvertreter Hecker die Gerüchte selbst in das Verfahren am Bundesschiedsgericht getragen hatten.

Kinder, Nachbar, Frau und Nichte – alles Delegierte

"Family and friends": Falsch lag die Parteichefin Petry mit ihrer Analyse nicht. Während Vater Dörr und dessen Vertraute Aline Wagner in den Landtag einziehen wollen, soll Dörrs Sohn Michael an erster Stelle für den Bundestag kandidieren. Wählen müssen ihn dafür in eineinhalb Wochen die Mitglieder des Landesvorstands und unter anderem die Delegierten des AfD-Kreisverbandes Saarbrücken-Land. Und unter diesen finden sich, kein Witz:

• Josef Dörrs Sohn Michael Dörr

• Josef Dörr

• Josef Dörrs Vertraute Aline Wagner

• Josef Dörrs Sohn Martin

• Josef Dörrs Sohn Roman

• Josef Dörrs Frau Inge

• Josef Dörrs 86-jährige Schwägerin Erna Pontius,

außerdem eine Nichte Josef Dörrs und deren Mann.

Es ist nicht gerade unwahrscheinlich, dass Josef Dörrs Sohn Michael auf den von ihm gewünschten Listenplatz gelangt und von dort in den Deutschen Bundestag gelangt.

"Quasifeudalistische Struktur", der Landesvorsitzende als "Heilsfigur"

Der AfD-Bundesschiedsrichter Thomas Seitz hat sich besonders intensiv mit dem Landesverband Saar auseinander gesetzt. Er hat Akten studiert und Zeugen befragt, er wollte wissen, was dort vor sich gehe. Seitz, ein Jurist, schreibt in seiner Stellungnahme von einem "System Dörr". Dieses System bestehe "im Sinne einer quasifeudalistischen Struktur, in dessen Zentrum Josef Dörr als Heilsfigur steht, dem die Angehörigen seines Lagers in Art eines mittelalterlichen Lehensverhältnisses persönlich zur Treue verpflichtet fühlen. Deswegen wird Josef Dörr, dort wo er auftaucht, als Versammlungsleiter und ohne Gegenkandidat gewählt, weil bereits ein Antreten gegen Josef Dörr einen Treuebruch darstellte."

"Quasifeudalistische Struktur", Dörr als "Heilsfigur", gegen den anzutreten einen "Tabubruch" darstelle: Zu diesem Urteil kommt kein politischer Gegner, sondern, nach intensiver Analyse, ein Parteifreund.

Doch Dörr und die Seinen sind damit bisher trotz allem durchgekommen, bis zur Landtagswahl an diesem Sonntag und wohl auch darüber hinaus. Die Umfragewerte der AfD sanken zuletzt auch im Saarland deutlich, liegen aber stabil über der Fünf-Prozent-Hürde.

Petry zeigt klare Kante – und macht sich dann ganz klein

Im Grunde können sich Josef Dörr, Rudolf Müller und ihre Leute in diesen Tagen ins Fäustchen lachen. Am Dienstagabend kam sogar Frauke Petry zu ihnen ins Saarland gereist. Petry verachten sie in der Dörr-AfD, weil sie ihnen mit der Auflösung hart zugesetzt hat. "Mobbing gegen Missliebige" unterstellte Rudolf Müller ihm auf einem Flugblatt, das er an AfDler aus dem ganzen Bundesgebiet verteilen ließ.

Und Petry ließ nicht locker. Sie habe "erhebliche Zweifel an der Integrität von maßgeblichen Teilen des Landesvorstandes", mailte die Parteichefin allen knapp 26.000 AfD-Mitgliedern noch vergangenen Oktober, als das Bundesschiedsgericht den Landesverband Saar bestehen ließ. Petry forderte Josef Dörr in der E-Mail auch auf, "mit Rücksicht auf die Gesamtpartei" nicht an der Landtagswahl teilzunehmen.

Nun machte die Bundesvorsitzende sich ganz klein. Bei der Wahlkampfveranstaltung in Homburg rief sie brav dazu auf, die Saar-AfD zu wählen.